Artikel


Vielleicht magst du mich durch einen meiner Artikel näher kennenlernen, die ich in der SEIN veröffentlicht habe.

......... und sie erschuf die Welt (SEIN, September 2020)  

 

Schöpfungsmythen gibt es in allen Kulturen zu allen Zeiten. Was geschieht, wenn  moderne Menschen des 21. Jahrhunderts sich erlauben, ihren eigenen Schöpfungsmythos zu erschreiben?               

 

Wassermeditationen

Anfang September. Indian Summer. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Es ist angenehm warm. Warm genug, um mit Sitzkissen und kleinem Klapptisch bestückt an den nahe gelegenen See zu gehen, sich ins Gras zu setzen und das Wasser zu betrachten. Sich ziehen lassen von den Reflexionen auf der glatten Wasserfläche. Die Bäume am Rande des Wassers sehen. Die Bäume im Wasser sehen. Spiegelungen. Konturen werden weicher. Grenzen lösen sich auf. Ein Etwas steigt aus dem Wasser auf. Hat es Menschengestalt? Gleicht es mehr einem Fisch? Oder ist es erst einmal wabernde, zerfließende Form? 

 

Wasser kann so viele Gestalten annehmen. Da gibt es das ruhige, friedvolle Wasser eines Sees, den sanft dahin plätschernden Bach, den reißenden Fluss, das schäumende Meer, einen Wasserfall. Es gibt die kleinen Tropfen, den aufsteigenden Dampf, der sich zu Wolken formiert. Dann gibt es den Schnee und das klirrende Eis. Wasser kann transparent sein, blau, grün, türkis - ein Chamäleon, das jede Farbe annimmt. Es ist das Element des Fließens, der Anpassung, des Formens.  

 

Jetzt, hier und heute betrachten wir einen See. Wir, das sind die Teilnehmer eines Retreats und ich als Begleitung. Der See ist glatt. An vielen Stellen spiegelt er das Grün der umstehenden Bäume wider. In der Mitte leuchtet er blau wie das Himmelszelt. Er reflektiert Licht, spiegelt es, verteilt es. Licht, das unsere Augen trifft. Als glatter Spiegel sieht er aus wie eine Fläche, wie eine Grenze, beinahe wie etwas Undurchdringliches. 

 

Wir lassen unsere Blicken tanzen auf der glatten Fläche des Sees. In der Mitte unserer Augen die Pupillen. Hier geht es hinein in uns Menschenwesen, bis in die Tiefen unserer Seelen. Seele. Wie ich recherchiere so kommt dieses Wort aus dem Germanischen und bedeutet: die aus dem See Stammende. Kommt meine Seele aus dem See? Taucht sie in den See? Von der Tiefe des Sees geht es somit in die Tiefe meines Wesens und umgekehrt. Tiefen begegnen sich. 

 

Wir tauchen ein, tauchen gemeinsam als Gruppe. Es schafft eine schöne Verbindung zu wissen, dass alle aus unserer Gruppe jetzt am See sitzen, sich in das Wasser ziehen lassen, in dessen Tiefe der eigenen Tiefe zu begegnen versuchen. 

 

Der eine Gott und die vielen Götter

In der Genesis wird die Welt mittels Worten erschaffen. Vielleicht mutet deswegen so vieles am Christentum sehr rational und wenig sinnlich an. In einer guatemaltekischen Geschichte wird der erste Mensch aus Maiskolben geboren. Ein griechischer Mythos lässt die Welt aus dem Meer entstehen. Eurynome tanzt über die Fluten des Urmeeres, vereinigt sich mit dem Wind. Sie gebiert ein Ei, aus dem die Welt entsteht wie uns der Mythos erzählt. In Ägypten vereinigen sich Isis und Osiris, Göttin des Meeres und Gott des Himmels und durch ihren Liebesakt wird Welt. 

 

Was sollen mir heute noch diese Geschichten erzählen? Wissen wir nicht alle, dass die Welt aus dem Urknall entstand. Soll ich dieses Wissen leugnen, um an solche Mythen zu glauben?

 

Die Teilnehmer meines Seminars „Schreibend träumen“ sind skeptisch, als ich sie dazu einlade, einen eigenen Schöpfungsmythos zu schreiben, bei dem sie selbst zur Gottheit werden. Manchen erscheint dieser Impuls vermessen, anderen kindisch. Wieder andere glauben, dass sie das nicht können und ihnen gewiss nichts einfallen wird. Wieso an die Anfänge gehen? Wieso von Göttern erzählen? Haben diese Götter nicht schon für genug Streitigkeiten und Kriege gesorgt? Brauchen wir heute noch Götter? Ich erzähle ihnen von der mexikanischen Göttin Ixchel, der Göttin des Meeres, die friedvoll mit Fischen und Riesenschildkröten schwimmt. Ich erzähle von Poseidon und seinen Hippokampen. Sie sehen ihn durch die Meere ziehen, begleitet von Meerjungfrauen – den Nereiden, eine Muschel als Kutsche. Ich erzähle von Yemanja, die besonders in Brasilien als Göttin der Gewässer verehrt wird. Blumen werden ihr geopfert. Sie wird besungen. In weißen Gewändern steigen die sie Verehrenden ins Meer, bewegen dabei fließend die Arme, tanzen für sie. Ich sehe, wie das Innere der Teilnehmer sich immer mehr mit den beschriebenen Bildern anfüllt. Sie bekommen Lust, selber Bilder zu erschaffen.

 

Schöpfungsmythen

Wie wäre es, sich vorzustellen, dass die Welt aus dem Wasser entstanden ist? Sie sitzen am See, schauen aufs Wasser, blicken tief in dieses hinein. Irgendwann fangen alle Stifte an, auf dem Papier zu tanzen. Worte fließen, Hände tanzen auf den Seiten, Geist ist vertieft. Sätze strömen, strömen immer weiter in die weißen Flächen hinein. Das Papier, so glatt und leer wie die glatte Wasserfläche des Sees. Leere, die sich füllt. Ein Etwas, das aus dem Nichts entsteht. Ein Wunder.

 

S. benennt es genau so. Sie spricht vom ersten, dem zweiten, dem dritten und dem vierten Wunder. Wie kann Sein aus dem Nichts entstehen? Wenn der erste Tropfen da ist, dann ist das ein Etwas, das nicht mehr Nichts genannt werden kann. Ein Wunder. Ihr Text hat die Sprachgewalt und den philosophischen Gehalt eines Martin Heidegger. 

 

A. lässt aus den dunklen Tiefen der ersten Wasser ein leuchtendes Ei entstehen mit einem Schwanz. Das Ei teilt sich, teilt sich immer weiter und wird zur ersten Göttin, die aus leuchtenden Eiern die Welten entstehen lässt. Weil es an Geborgenheit fehlt, schafft sie sich aus leuchtenden Eiern ihre Brüste. 

 

Die Göttin von D. langweilt sich. Überall ist nur Wasser. Und wie sie sich so langweilt, strömt aus ihrem Leib ein Strahl von kühlem Nass. Sie pinkelt in den See hinein, pinkelt bis zum Grund und holt den Schlamm hervor, aus dem die Welt entsteht. Wir lachen. Eine pinkelnde Göttin. Das ist weniger abstrakt und sprachlich als der christliche Gott. Hier springt eine freche Sinnlichkeit aus den Zeilen. Wir erkennen D. wieder in dem Mythos, den sie erschaffen hat. 

 

Es wird schnell klar, dass jeder Mythos – tatsächlich haben alle einen Mythos geschrieben – Produkt dieses einen einzigartigen Autoren ist. Die Götter und Göttinnen der ersten Stunde tragen deutlich die Handschrift ihrer Schöpfer. Die Werte der jeweiligen Schreiber werden sichtbar, hörbar, fühlbar in den Schöpfungsmythen. Ihre Geschichten sind beredte Zeugen dessen, was ihnen am Herzen liegt.

 

R. liebt die Gemeinschaft. Sie erschafft sich als Samen, der mit vielen anderen Samen in großen Blütenkelchen lebt. Ganze Felder von prallen Blüten erdichtet sie, die gefüllt sind mit Wasser, das sich von einem Kelch in den nächsten ergießt. Wasser fließt von Kelch zu Kelch, nimmt die Samen mit, die auf den Grund des ersten Sees fallen und so die ersten Menschen und Tiere entstehen lassen. Wir sind betört von diesem wunderschönen Bild des Blütenmeeres und erkennen auch darin R.s Vorliebe für Schönheit und Pracht. 

 

Jeder der Mythen ist anders. Jeder trägt eine ganz eigene Handschrift. Jeder bezaubert. Lange schon geht es nicht mehr darum, ob dieser Mythos die Entstehung DER Welt erklären kann. Diese Mythen erschaffen Welten, individuelle Welten und sie erinnern damit die einzelnen Autoren daran, dass sie selbst sich ihre Welt erschaffen dürfen und können, dass sie sich ihre eigenen Werte setzen dürfen und sich durch derartige Mythen an die eigenen Werte zu erinnern vermögen. Ein Strahlen auf den Gesichtern macht deutlich: Ja, jetzt und hier sind gerade einige Menschen bei sich angekommen, in ihrem Herzen, in den Tiefen ihrer Seele. 

 

Flow-Erleben

Mihaly Czikcentmihaly hat sich jahrelang mit der Erforschung von Kreativität beschäftigt. Die Kreativen, die er befragt hat, berichten, dass sie oft im Schlaf neue Ideen bekommen. Der Zustand, aus dem heraus der Einfall für etwas Neues gekommen sei, würde sich zeitlos anfühlen. Zeit spiele keine Rolle darin. Mihaly spricht deshalb vom Flow-Erlebnis. Flow – Fließen. 

 

Wir durften alle die Zeitlosigkeit, die Schöpferkraft, die Fließqualität des Wassers erfahren. Wir sind in die Wasser und mit den Wassern geflossen, haben uns tragen lassen vom Wasser, haben unseren Alltagsverstand hinwegspülen lassen vom Wasser und konnten so zu Kreativen werden, zu Künstlern, zu Schöpfern. 

 

 

Der See liegt leise und mit weit offenen Ohren in seinem Bett aus Moos. Es ist dunkel geworden beim Vorlesen der verschiedenen Schöpfungsmythen. Der See hat uns die ganze Zeit zugehört. Er freut sich, dass seine eigenen Tiefen die Menschenwesen zu deren Tiefen geführt haben.  

 dorothee-bruene@gmx.de, www

Schreibend Gott begegnen (SEIN, August/September 2020)

 

Kontemplative Exerzitien 

Sich zurückziehen, dem Trubel des Alltags entfliehen, Einkehr halten. Im christlichen Kontext sind es Klöster, die zu Zeiten der Einkehr einladen. Klaustrum, die Einkehr. Exerzitien werden sie genannt. Ein Mensch nimmt sich Zeit, sich selbst zu begegnen. 

 

Was heißt das eigentlich? Sind wir uns sonst fremd? In psychotherapeutischen Kreisen wird gerne mit dem Bild gearbeitet, dass wir Menschen wie ein Haus sind. Man klopft an, aber niemand ist da. Das Innere ist leer, ist unbewohnt. Da ist nur eine Hülle. Manchmal gibt es tatsächlich eine große Distanz zwischen dem, was ein Mensch tut und was er dabei erlebt, was er fühlt. Exerzitien ermöglichen es, ins Innere tauchen. 

 

Welche Bilder, welche Gefühle tauchen dann auf? Was klingt in mir nach, wenn ich die Außenreize reduziere? Das können Freudenklänge, aber auch traurige Moll-Akkorde sein. Oft braucht es gute Begleiter, die sich auskennen mit Innenwelten und die da sein können, wenn sich im Inneren neue unbekannte Territorien eröffnen. Im Kloster sind es Padres, die zu Gesprächen zur Verfügung stehen. Es können aber auch Psychotherapeuten, Schamanen oder gute Freunde sein.  

 

Indische Ashrams, mexikanische Schwitzhütten, altgriechische Labyrinthe. Menschen haben sich vielerlei Möglichkeiten ersonnen, um sich auf sich selbst zu besinnen und tief im Herzen sich selbst und damit dem Göttlichen zu begegnen. Gott ist in mir. Auch ich bin das Göttliche. Derwische tanzen und drehen sich um das eigene Herz. 

 

Aktuell ist es Corona, die eine Zeit der Selbstbesinnung ermöglicht. In den letzten Tagen habe ich viele Fahrradfahrer mit Zelt und Schlafsack gesehen, die in die Natur fahren, um sich und einer essentiellen Kraft zu begegnen. Hinwendung zum Ursprung, zum Wesentlichen. Ich mit mir, die Erde, das Zelt, der Himmel und die funkelnden Sterne. 

 

Gespräche mit Gott

Ich denke an die kleine Anna, die mit Gott telefoniert und ihm all die Fragen stellt, die ihr durch den Kopf gehen. Ein wunderbares Buch von Fynn. Ich denke an den 9-jährigen Tyler, der an einem Gehirntumor erkrankt und Gott Briefe schreibt, womit er den Postboten ganz schön ins Grübeln bringt. Wie soll er die Briefe zustellen? Patrick Doughtie hat diese Geschichte zu Papier gebracht. 

 

Greenpeace hat aktuell zu einer Aktion aufgerufen, bei der die Beteiligten eingeladen werden, Briefe zu schreiben, wie sie sich nach Corona die Zukunft wünschen. Was darf sich ändern? Was soll sich ändern? Was wünschen Sie sich für die Welt? 

 

Am Anfang der Krise erhielt ich per WhatsApp die Aufforderung, mir vorzustellen, wie ich in einem Jahr auf die Corona-Zeit zurückblicken werde – ein prospektiver Rückblick. Faszinierend zu realisieren, was in kürzester Zeit möglich war, wozu es sonst Jahrzehnte braucht. 

 

Was haben Sie neu über sich erfahren in dieser Corona-Zeit? Welche neue Seite hat sich gezeigt? Welcher neue Wert? Was ist Ihnen wichtig? Hat Sie die Krise näher zu sich selbst gebracht? Haben Sie Gott in sich gefunden? Sind Sie der großen alleinen Energie begegnet? Haben Sie sich erlaubt, Fragen zu stellen? 

 

Neale Donald Walsh hat in seinen Gesprächen mit Gott Mut gemacht, Fragen zu stellen. Für mich ist es so, als würde ich mit einer Frage direkt auf die Website von Gott kommen. Dann kann ich ihn spüren, bin ihm nah, nähere mich dem Wesentlichen.   

 

Die Macht des geschriebenen Wortes

„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“. Diese Bibelverse erinnern daran, dass Worte Welten erschaffen können. Worte haben kreatives Potential. Sie geben uns Macht. Sie geben uns Stärke.

 

Im Geplapper des Alltags, inmitten all der Texte, die wir täglich per Mail, WhatsApp, Google-Suche erhalten und schreiben ist es oft schwer, die Kraft des Wortes zu spüren. Zu viele Worte sind es, die auf uns einprasseln und die weit mehr ein Rauschen und Desorientierung auslösen, als das Erleben von Macht. Es plätschert. 

 

Welche Worte haben in den letzten Tagen eine neue Welt für Sie erschlossen? Spüren Sie die Macht der Worte, wenn Sie sprechen?

 

In den meisten Religionen gibt es ein Buch, das besonders verehrt wird: die Bibel, der Koran, die Upanishaden etc. Die heilige Schrift wird es genannt. Was für ein schöner Ausdruck. Da hat ein Buch also die Kraft, Heil zu bringen. Dass dies der Auftrag der heiligen Schriften ist, kann leicht vergessen werden bei den Kriegen, die um diese Bücher geführt werden. 

 

Kann es aber das eine Buch geben, das für alle Menschen gleichermaßen heilsam ist? Ich selbst bin katholisch sozialisiert. Meine Mutter war ein sehr gläubiger Mensch. Sie hat täglich in der Bibel gelesen. Zu meiner Firmung erhielt ich die Jerusalemer Bibel als Geschenk. Neben dieser Schrift stand es mir frei, auch andere heilige und unheilige Bücher zu lesen. Ich liebe es zu lesen. Habe ich meine Bibel gefunden? Für mich gibt es nicht die EINE Religion, die mich anzieht. Für mich gibt es nicht das EINE Buch, das all meine Fragen beantwortet. 

 

Geschriebenes Gebet

In Umbruchzeiten schreiben viele Menschen Tagebuch: in der Pubertät, nach einer Trennung, in einer Lebenskrise. Beim Tagebuchschreiben erlaubt sich ein Mensch, einen sehr subjektiven Blick auf sich und die Welt zu werfen – seine Welt. Oft wandelt sich das Klagen über Leid und Ungemach schreibend in ein Gefühl von Sinnhaftigkeit. Schreibend wird das Potential zu Wachstum erkannt. Schreibend entsteht ein Gefühl von Dankbarkeit. Schreiben wird zum Gebet. 

 

Mit zwölf Jahren habe ich mein erstes Tagebuch begonnen. Es gab so viele Fragen in mir. Ich war mit so vielen Antworten nicht einverstanden. Ich suchte meine eigenen Antworten. Schreibend habe ich mich befreit und oft genug auch abgewendet von familiären und schulischen Antworten. Bis heute schreibe ich Tagebuch. Dabei begegne ich mir, erforsche mich, tauche immer tiefer in MEINE Wahrheit. Schreibend finde ich MEINE Worte. Ich entdecke eine eigene Sprache und damit auch, dass meine Worte Gewicht haben, dass ich wichtig bin. 

 

Mut zur Intimität

Aufgewachsen bin ich mit der Vorstellung, dass sexuelle Kontakte etwas Intimes sind. Später habe ich erfahren, dass noch lange nicht jeder sexuelle Kontakt intim ist. Es gibt körperliche Begegnungen, bei denen das Herz verschlossen bleibt. Da gibt es keine Öffnung ins Innen. 

 

Intimität findet im Herzen statt. Sie braucht Mut. Sie braucht den Mut der ehrlichen, offenen und transparenten Begegnung. Der Begegnung mit sich selbst und der Begegnung mit anderen. Ich mag intime Begegnungen. Ich liebe sie. Ich verhungere, wenn ich sie nicht erleben kann. Die Vorstellung, mit Gott eine intime Beziehung zu haben, lässt meine Haut prickeln und erfüllt mich mit Freude. Ja, ich möchte dieser göttlichen Kraft nah kommen, ganz nah. Ich will sie tief unter der Haut spüren. Ich will, dass sie meine Poren, dass sie meine Blutbahne

n, dass sie meine Gehirnwindungen durchdringt. Ekstase der göttlichen Begegnung. Viele nennen es Erleuchtung. Ja, manchmal sehe ich es als Licht, fühle Wärme, vor allem aber pure Freude. 

 

Meine intimsten Momente mit dem Göttlichen habe ich schreibend. Wie viele andere sitze ich viele Stunden am Tag an meinem Computer, lese, tippe Texte. Auch das erlebe ich als erfüllend. Für die intimen Momente mit mir und dem Göttlichen habe ich ein türkisenes eigenes Buch, weil Türkis meine Lieblingsfarbe ist. Darin schreibe ich mit Füller und von Hand. Das kann ich nicht am Schreibtisch. Dafür braucht es einen besonderen Platz. 

 

Gerade Plätze in der Natur inspirieren mich, mir selbst schreibend zu begegnen. Dann sitze ich an einem See, schaue aufs Wasser, sehe das Fließen und Glitzern des Wassers. Die Sonne spiegelt sich auf den Wellen. Die Wellen schlagen an meine Pforten, klopfen an. Stück für Stück öffne ich ihnen, lasse sie und ihr Funkeln herein. Etwas in mir kommt mit den fließenden Bewegungen ins Fließen. Ich fließe in mich, in meine Worte, in meine Texte und in meinen Gott hinein. Wunderbare Momente. Dann bin ich dankbar, dass es dieses Wasser des Sees, das Wasser in mir, das Fließen meines Stiftes gibt. Dann werden meine Worte zum Gebet.  

 



Schreibend träumen - Alleinheitserfahrungen in der Natur

(SEIN, April/ Mai 2020)

 

Der Traum des großen Lebensbuches

Als ich 1991 nach Berlin zog, träumte ich in der ersten Nacht, dass ich in einem geblümten Sommerkleid bis zu den Knien im Wasser stehe. In meinen Armen hielt ich ein großes Buch, in das ich mit einem Füller schrieb. Der Himmel über mir leuchtete strahlend blau, die Sonne schien auf das weiße Papier des großen Buches. Noch heute kann ich mich an viele Einzelheiten dieses Traumes erinnern, kann ich das Wasser an meinen Füßen fühlen, die Sonne auf meiner Haut. Noch heute höre ich den sanften Tanz des Füllers auf dem Papier.

 

Schreibend sich selbst entdecken

Vieles, das ich in diesem Traum gesehen habe, hat sich mittlerweile erfüllt. Ich bin von Berlin ins Umland an einen großen herrlichen See gezogen, habe dort viele Sommer erlebt. Ich habe mittlerweile mein achtes Buch – sechs Romane und zwei Sachbücher - veröffentlicht und daneben eine Fülle an Tagebüchern mit Zeilen gefüllt. Das Schreiben ist mein Weg zu mir und in die Welt hinein. Schreibend entdecke ich immer wieder neue Seiten an mir und am Leben. Schreibend habe ich wahrhaft erhellende, erleuchtende Momente. Ich habe mich durch all die Gefühle hindurchgeschrieben, die mit frühen traumatischen Kindheitserfahrungen in Zusammenhang stehen. Füller und Papier waren mir ein Gegenüber in Zeiten der Einsamkeit. Durch sie habe ich immer wieder neue Orientierung gefunden.

 

Heilkraft des Schreibens

Dass Schreiben eine heilende Wirkung haben kann, ist weithin bekannt. Das Fritz-Perls-Institut, die Alice Salomon-Hochschule und Silke Heimes haben es sich zur Aufgabe gemacht, das therapeutische Schreiben zu erforschen und zu fördern.

Als Wegbegleiterin habe ich Menschen kennenlernen dürfen, die durch das Schreiben einen neuen Sinn im Leben fanden. Ich denke an eine Patientin, die sehr niedergeschlagen und der felsenfesten Überzeugung war, dass sie eine Last für sich und andere ist. Schreibend erblickte sie das weiche, offene Herz, das in ihr lebt, das dort wie in einem Käfig verborgen sein Dasein fristet. Es erschien ihr wie ein Vogel, der frei sein und fliegen möchte. Bei einem gemeinsamen Gang in die Natur konnte sie das Flattern dieses Vogels spüren und ihn befreien und somit gestärkt und liebend in die Zukunft gehen. 

 

Schreiben in der Natur

In den letzten Jahren ist das Schreiben an ungewöhnlichen Orten immer populärer geworden. Nicht nur Cafés und öffentliche Plätze laden zum Schreiben ein, auch an Orten in der Natur wird geschrieben. Dabei wird versucht, sich schreibend diesem Ort anzunähern, in ihn einzudringen, um ganz von ihm durchdrungen zu sein, die Kraft dieses Ortes in sich hineinfließen zu lassen. 

Da breiten sich die Gedanken wie ein weiter stiller See aus, in dem ein unruhiger Geist zur Stille zu kommen vermag. Ein Baum bietet seinen Halt an und lässt daraufhin die eigene Kraft neu spüren und in Worte fassen. Über das Einswerden mit der Natur können wir uns der in uns wirkenden elementaren Kräfte gewahr werden. 

 

Der sprachlose Zustand der Unio Mystica

In der Mystik wird die Erfahrung der Einheit allen Seins oft als Zustand beschrieben, für den es keine Worte gibt. Worte seien zu trennend, um dieses Erleben wiedergeben zu können. Geschriebene Worte aber sind es, die es im Alltag ermöglichen, sich durch das Lesen des eigenen Geschriebenen an eine erlebte Einheitserfahrung zu erinnern und sie damit wieder präsent zu machen. Durch Worte, die aus dem Ort in mir stammen, der um das Verbundensein allen Seins weiß, kann ich mich jederzeit dieser großen Alleinheit vergewissern. Menschen in einen solchen Genuss zu versetzen, betrachte ich als meine Berufung.