Schreibend Gott begegnen


Schreibend Gott begegnen (SEIN, August/September 2020)

 

Kontemplative Exerzitien 

Sich zurückziehen, dem Trubel des Alltags entfliehen, Einkehr halten. Im christlichen Kontext sind es Klöster, die zu Zeiten der Einkehr einladen. Klaustrum, die Einkehr. Exerzitien werden sie genannt. Ein Mensch nimmt sich Zeit, sich selbst zu begegnen. 

 

Was heißt das eigentlich? Sind wir uns sonst fremd? In psychotherapeutischen Kreisen wird gerne mit dem Bild gearbeitet, dass wir Menschen wie ein Haus sind. Man klopft an, aber niemand ist da. Das Innere ist leer, ist unbewohnt. Da ist nur eine Hülle. Manchmal gibt es tatsächlich eine große Distanz zwischen dem, was ein Mensch tut und was er dabei erlebt, was er fühlt. Exerzitien ermöglichen es, ins Innere tauchen. 

 

Welche Bilder, welche Gefühle tauchen dann auf? Was klingt in mir nach, wenn ich die Außenreize reduziere? Das können Freudenklänge, aber auch traurige Moll-Akkorde sein. Oft braucht es gute Begleiter, die sich auskennen mit Innenwelten und die da sein können, wenn sich im Inneren neue unbekannte Territorien eröffnen. Im Kloster sind es Padres, die zu Gesprächen zur Verfügung stehen. Es können aber auch Psychotherapeuten, Schamanen oder gute Freunde sein.  

 

Indische Ashrams, mexikanische Schwitzhütten, altgriechische Labyrinthe. Menschen haben sich vielerlei Möglichkeiten ersonnen, um sich auf sich selbst zu besinnen und tief im Herzen sich selbst und damit dem Göttlichen zu begegnen. Gott ist in mir. Auch ich bin das Göttliche. Derwische tanzen und drehen sich um das eigene Herz. 

 

Aktuell ist es Corona, die eine Zeit der Selbstbesinnung ermöglicht. In den letzten Tagen habe ich viele Fahrradfahrer mit Zelt und Schlafsack gesehen, die in die Natur fahren, um sich und einer essentiellen Kraft zu begegnen. Hinwendung zum Ursprung, zum Wesentlichen. Ich mit mir, die Erde, das Zelt, der Himmel und die funkelnden Sterne. 

 

Gespräche mit Gott

Ich denke an die kleine Anna, die mit Gott telefoniert und ihm all die Fragen stellt, die ihr durch den Kopf gehen. Ein wunderbares Buch von Fynn. Ich denke an den 9-jährigen Tyler, der an einem Gehirntumor erkrankt und Gott Briefe schreibt, womit er den Postboten ganz schön ins Grübeln bringt. Wie soll er die Briefe zustellen? Patrick Doughtie hat diese Geschichte zu Papier gebracht. 

 

Greenpeace hat aktuell zu einer Aktion aufgerufen, bei der die Beteiligten eingeladen werden, Briefe zu schreiben, wie sie sich nach Corona die Zukunft wünschen. Was darf sich ändern? Was soll sich ändern? Was wünschen Sie sich für die Welt? 

 

Am Anfang der Krise erhielt ich per WhatsApp die Aufforderung, mir vorzustellen, wie ich in einem Jahr auf die Corona-Zeit zurückblicken werde – ein prospektiver Rückblick. Faszinierend zu realisieren, was in kürzester Zeit möglich war, wozu es sonst Jahrzehnte braucht. 

 

Was haben Sie neu über sich erfahren in dieser Corona-Zeit? Welche neue Seite hat sich gezeigt? Welcher neue Wert? Was ist Ihnen wichtig? Hat Sie die Krise näher zu sich selbst gebracht? Haben Sie Gott in sich gefunden? Sind Sie der großen alleinen Energie begegnet? Haben Sie sich erlaubt, Fragen zu stellen? 

 

Neale Donald Walsh hat in seinen Gesprächen mit Gott Mut gemacht, Fragen zu stellen. Für mich ist es so, als würde ich mit einer Frage direkt auf die Website von Gott kommen. Dann kann ich ihn spüren, bin ihm nah, nähere mich dem Wesentlichen.   

 

Die Macht des geschriebenen Wortes

„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“. Diese Bibelverse erinnern daran, dass Worte Welten erschaffen können. Worte haben kreatives Potential. Sie geben uns Macht. Sie geben uns Stärke.

 

Im Geplapper des Alltags, inmitten all der Texte, die wir täglich per Mail, WhatsApp, Google-Suche erhalten und schreiben ist es oft schwer, die Kraft des Wortes zu spüren. Zu viele Worte sind es, die auf uns einprasseln und die weit mehr ein Rauschen und Desorientierung auslösen, als das Erleben von Macht. Es plätschert. 

 

Welche Worte haben in den letzten Tagen eine neue Welt für Sie erschlossen? Spüren Sie die Macht der Worte, wenn Sie sprechen?

 

In den meisten Religionen gibt es ein Buch, das besonders verehrt wird: die Bibel, der Koran, die Upanishaden etc. Die heilige Schrift wird es genannt. Was für ein schöner Ausdruck. Da hat ein Buch also die Kraft, Heil zu bringen. Dass dies der Auftrag der heiligen Schriften ist, kann leicht vergessen werden bei den Kriegen, die um diese Bücher geführt werden. 

 

Kann es aber das eine Buch geben, das für alle Menschen gleichermaßen heilsam ist? Ich selbst bin katholisch sozialisiert. Meine Mutter war ein sehr gläubiger Mensch. Sie hat täglich in der Bibel gelesen. Zu meiner Firmung erhielt ich die Jerusalemer Bibel als Geschenk. Neben dieser Schrift stand es mir frei, auch andere heilige und unheilige Bücher zu lesen. Ich liebe es zu lesen. Habe ich meine Bibel gefunden? Für mich gibt es nicht die EINE Religion, die mich anzieht. Für mich gibt es nicht das EINE Buch, das all meine Fragen beantwortet. 

 

Geschriebenes Gebet

In Umbruchzeiten schreiben viele Menschen Tagebuch: in der Pubertät, nach einer Trennung, in einer Lebenskrise. Beim Tagebuchschreiben erlaubt sich ein Mensch, einen sehr subjektiven Blick auf sich und die Welt zu werfen – seine Welt. Oft wandelt sich das Klagen über Leid und Ungemach schreibend in ein Gefühl von Sinnhaftigkeit. Schreibend wird das Potential zu Wachstum erkannt. Schreibend entsteht ein Gefühl von Dankbarkeit. Schreiben wird zum Gebet. 

 

Mit zwölf Jahren habe ich mein erstes Tagebuch begonnen. Es gab so viele Fragen in mir. Ich war mit so vielen Antworten nicht einverstanden. Ich suchte meine eigenen Antworten. Schreibend habe ich mich befreit und oft genug auch abgewendet von familiären und schulischen Antworten. Bis heute schreibe ich Tagebuch. Dabei begegne ich mir, erforsche mich, tauche immer tiefer in MEINE Wahrheit. Schreibend finde ich MEINE Worte. Ich entdecke eine eigene Sprache und damit auch, dass meine Worte Gewicht haben, dass ich wichtig bin. 

 

Mut zur Intimität

Aufgewachsen bin ich mit der Vorstellung, dass sexuelle Kontakte etwas Intimes sind. Später habe ich erfahren, dass noch lange nicht jeder sexuelle Kontakt intim ist. Es gibt körperliche Begegnungen, bei denen das Herz verschlossen bleibt. Da gibt es keine Öffnung ins Innen. 

 

Intimität findet im Herzen statt. Sie braucht Mut. Sie braucht den Mut der ehrlichen, offenen und transparenten Begegnung. Der Begegnung mit sich selbst und der Begegnung mit anderen. Ich mag intime Begegnungen. Ich liebe sie. Ich verhungere, wenn ich sie nicht erleben kann. Die Vorstellung, mit Gott eine intime Beziehung zu haben, lässt meine Haut prickeln und erfüllt mich mit Freude. Ja, ich möchte dieser göttlichen Kraft nah kommen, ganz nah. Ich will sie tief unter der Haut spüren. Ich will, dass sie meine Poren, dass sie meine Blutbahne

n, dass sie meine Gehirnwindungen durchdringt. Ekstase der göttlichen Begegnung. Viele nennen es Erleuchtung. Ja, manchmal sehe ich es als Licht, fühle Wärme, vor allem aber pure Freude. 

 

Meine intimsten Momente mit dem Göttlichen habe ich schreibend. Wie viele andere sitze ich viele Stunden am Tag an meinem Computer, lese, tippe Texte. Auch das erlebe ich als erfüllend. Für die intimen Momente mit mir und dem Göttlichen habe ich ein türkisenes eigenes Buch, weil Türkis meine Lieblingsfarbe ist. Darin schreibe ich mit Füller und von Hand. Das kann ich nicht am Schreibtisch. Dafür braucht es einen besonderen Platz. 

 

Gerade Plätze in der Natur inspirieren mich, mir selbst schreibend zu begegnen. Dann sitze ich an einem See, schaue aufs Wasser, sehe das Fließen und Glitzern des Wassers. Die Sonne spiegelt sich auf den Wellen. Die Wellen schlagen an meine Pforten, klopfen an. Stück für Stück öffne ich ihnen, lasse sie und ihr Funkeln herein. Etwas in mir kommt mit den fließenden Bewegungen ins Fließen. Ich fließe in mich, in meine Worte, in meine Texte und in meinen Gott hinein. Wunderbare Momente. Dann bin ich dankbar, dass es dieses Wasser des Sees, das Wasser in mir, das Fließen meines Stiftes gibt. Dann werden meine Worte zum Gebet.